Begegnungen mit Hunden

Hundebegegnungen

Begegnungen mit Hunden auf dem Spaziergang

von Linda Hornisberger

Wer sich einen Welpen anschafft, freut sich meist schon auf die Spaziergänge, die er
mit seinem Hund dereinst machen wird. Gerade Neuhundebesitzer ahnen aber oft
nicht, wie viele Probleme dabei auf sie zukommen können. Wenn Spaziergänge Spass
machen sollen, muss von Anfang an das erwünschte Verhalten geübt und belohnt
werden.

Hunde müssen im Welpenalter unbedingt den richtigen Umgang und die Sprache mit ihren
Artgenossen einüben können. Um dies lernen zu können, brauchen Welpen Kontakt zu
erwachsenen Hunden. Nun ist aber nicht jeder Hund ein begabter Lehrer und ein gutes
Vorbild. Viele Erfahrungen kann sich der Welpe im «geschützten Rahmen» einer guten
Welpenspielgruppe aneignen.
Von den erwachsenen Hunden soll er hier unter anderem lernen, dass man sich Artgenossen
gegenüber «höflich» benimmt, dass man sie nicht anrempelt und dass man sie in Ruhe lässt.
Gerade Neuhundebesitzer sind auf diese Möglichkeit angewiesen. Begegnungen finden aber
auch ausserhalb dieser «behüteten» Situation statt. Es ist ausgesprochen wichtig, dass der
Welpe gerade in dieser Zeit auch hier gute Erfahrungen macht. Deshalb muss auch hier der
Umgang vorsichtig ausgewählt und die Situation überwacht werden.

Welpenschutz nicht gewährleistet
Begegnungen mit anderen Hunden finden auf Spaziergängen immer wieder statt. Es herrscht
zum Teil immer noch die Meinung vor, dass ein Welpe durch einen so genannten
«Welpenschutz» behütet sei. Der Besitzer geht dann davon aus, dass sein Welpe ohne jegliche
Gefahr zu jedem erwachsenen Hund hingehen kann. Dies ist ein Irrtum. Geschützt sind die
Welpen der Alpha-Hündin im Normalfall innerhalb des Rudels; bei Begegnungen ausserhalb
der Gruppe ist der Schutz jedoch nicht gewährleistet. Es trifft zwar zu, dass viele erwachsene
Hunde gegenüber Welpen toleranter sind – aber eben längst nicht alle.
Auf der anderen Seite haben viele Welpen noch nicht gelernt, wie man auf andere Hunde
zugehen sollte. Sie stürzen auf jeden entgegenkommenden Kollegen los. Da sie die Sprache
der anderen Hunde, vor allem die subtilen Warnsignale, zum Teil noch nicht lesen können
oder sie vor lauter Freude übersehen, kommt es bisweilen zu unwirschen Reaktionen seitens
des erwachsenen Tieres. Der Welpe wird dann eigentlich begründet zurechtgewiesen. Verfügt
der erwachsene Hund über ein korrektes Sozialverhalten, eine gute Körpersprache und eine
sehr gute Beisshemmung, lernt der Welpe, sich anderen Hunden zukünftig vorsichtig und
korrekt zu nähern.

Ungestüme Annäherungen
Gewisse Hunde reagieren aber auch dann sehr abweisend, wenn sich ein Welpe völlig korrekt
nähert. Andere Hunde, besonders Junghunde, stürzen sich oft ungestüm auf kleinere
Artgenossen, bedrängen oder überrennen sie. Begegnungen mit Gruppen von Hunden sind oft
besonders heikel. Mehrere Hunde schliessen sich zu einem Rudel zusammen. Es besteht eine
erhöhte Gefahr, dass sie sich entgegenkommenden Tieren gegenüber aggressiv verhalten.
Alles andere als angenehm sind auch Begegnungen mit Hundehaltern, die von weitem
schreien: «Meiner macht nichts: Er will nur spielen!» Im Klartext heisst das, «mein Hund
wird sich vermutlich gleich auf ihren Hund stürzen, aber ich denke nicht daran, ihn abzurufen,
denn er würde ohnehin nicht gehorchen.» Diese Besitzer erklären dem Welpenbesitzer dann,
dass man Hunde «nur machen lassen» solle, dass «die das schon selber ausmachen» würden
und dass der Welpe «sich unterordnen oder halt wehren lernen müsse».
Gerade solche Begegnungen setzen oft bleibende Schäden bei Welpen. Besonders heikel wird
das Ganze, wenn es sich um einen sehr kleinen Hund handelt. Besitzer von Klein- und
Zwerghunden sind bei Begegnungen mit anderen Hunden oft im Stress. Sie fürchten
begreiflicherweise um ihre kleinen Begleiter. Auch eine sehr freundliche, aber vielleicht
etwas tollpatschige Annäherung kann unter Umständen zu einer schweren Verletzung des
kleinen Hundes führen. Es besteht überdies immer die Gefahr, dass das Verhalten eines sehr
kleinen Hundes bei Artgenossen Beuteverhalten auslöst.

Angriff als beste Verteidigung
Hinzu kommt, dass sich einige dieser kleinen Vierbeiner sozial nicht korrekt verhalten. Dies
kann darauf zurückzuführen sein, dass sie nie die Gelegenheit hatten, korrektes
Sozialverhalten mit Artgenossen einzuüben, oder dass sie aus schlechten Erfahrungen zur
Überzeugung gekommen sind, dass Angriff die beste Verteidigung ist. Oft ist genau von den
Leuten, die beim Welpen propagiert haben, dass er eben lernen müsse, sich zu wehren, nun zu
hören, dass der kleine Hund selber schuld sei, wenn er angegriffen werde – wenn er knurre.
Kommt dann auch noch der Vorschlag, «dass die zwei Hunde das zusammen ausmachen
sollen», ist das wohl ein schlechter Witz, wenn man die Grössenverhältnisse in Betracht zieht.
Was kann man tun, um den Welpen zu schützen? Es ist wichtig, dass man auf dem
Spaziergang vorausschaut. In jedem Fall sollte man den Welpen in der Nähe behalten und
verhindern, dass er plötzlich kopflos wegrennt. Den verantwortungsbewussten Hundebesitzer
erkennt man daran, dass er seinen Hund unter Kontrolle hält. Er lässt seinen Hund auf keinen
Fall auf den Welpen losstürzen. Kommt er mit mehreren Hunden entgegen, lässt er ganz
bewusst nicht alle auf einmal zum Welpen gehen.
Verhält sich der erwachsene Hund sicher im Umgang mit Welpen, kann man die beiden
Kontakt aufnehmen lassen. Mit der Zeit kennt man dann bald einige der Hunde im Quartier.
Der junge Hund kann anhand dieser «Vorbilder» lernen, wie man anderen Kollegen begegnet.
Dennoch sollte man unbedingt dafür sorgen, dass der Welpe hin und wieder die Möglichkeit
hat, alleine solche Situationen zu meistern.
Es ist auch wichtig, dass man den Mut hat, ein Spiel mit einem anderen Hund abzubrechen,
wenn dieser grob wird und den Kleinen überrennt. Heikle Begegnungen, insbesondere mit
Hunden und Hunde-besitzern, die bereits negativ aufgefallen sind, könnten oft vermieden
werden. Man darf einen Welpen auch auf den Arm nehmen. Dies sollte geschehen, bevor der
andere Hund ihn entdeckt hat. Wichtig ist allerdings, dass der Kleine nun nicht vom Arm
runter zu bellen oder knurren beginnt. Am besten erreicht man dies, indem man ausweicht
und sich leicht abdreht, so dass sich die beiden gar nicht erst sehen.

Ausweichen ist erlaubt
Man muss hier vorsichtshalber noch ergänzen, dass es nicht ganz unproblematisch ist, einen
Welpen auf den Arm zu nehmen. Der andere Hund kann hochspringen und versuchen, ihn zu
packen. Das ist natürlich ein völlig inakzeptables Verhalten, das der Besitzer des Hundes
nicht zulassen sollte. Leider haben aber längst nicht alle Hundehalter ihre Tiere unter
Kontrolle. Deshalb weicht man im Zweifelsfall lieber einmal zu oft aus.
Fazit: Es mag nun der Eindruck entstanden sein, dass die meisten Hundebegegnungen ein
grosses Risiko darstellen und man bald besser daran tut, alle zu meiden. Dies ist sicher nicht
der Fall. Es ist aber sehr wichtig, dass man sich bewusst ist, dass es keinen Welpenschutz
gibt.

Das Wichtigste in Kürze

Grundregeln für Begegnungen auf dem Spaziergang
• Kontakte zwischen Hunden müssen von den Besitzern jederzeit kontrolliert werden. Nicht
die Hunde, sondern die Besitzer sollen bestimmen, was geschieht. Das bedeutet unter
anderem, dass man dafür sorgt, dass der Hund sich den anderen Tieren ruhig und
anständig nähert. Hunde, die im gestreckten Galopp auf andere Hunde zusteuern oder sich
hinlegen, abwarten und dann durchstarten, provozieren beim Gegenüber oft Furcht oder
Aggression. Sie müssen umerzogen, eventuell sogar therapiert werden.
• Wenn jemand mit angeleintem Hund entgegenkommt oder seinen Hund zu sich ruft und
anleint, soll der eigene Hund ebenfalls angeleint oder «bei Fuss» gerufen werden. Der
Hundebesitzer hat seine Gründe, weshalb er seinen Vierbeiner an die Leine nimmt. Man
kann nachher immer noch zusammen diskutieren und die beiden unter Umständen
freilassen.
• Wenn der andere Besitzer seinen Hund herbei ruft, nimmt man seinen eigenen Hund
ebenfalls zu sich. Wenn man den Hund nicht anleint, muss man absolut sicher sein, dass
er beim Kreuzen nicht doch plötzlich durchstartet.
• Führt man eine Gruppe von Hunden aus, lässt man sie nicht alle zusammen auf einen
Hund losrennen und beobachtet genau, um erste Anzeichen von Unsicherheit und
Aggression zu erkennen.
• Bei Begegnungen mit Klein- und Zwerghunden ist aufgrund der Verletzungsgefahr
besondere Vorsicht am Platz. Wenn der geringste Zweifel besteht, nimmt man den Hund
an die Leine.
Quelle: Erschienen in HUNDE, der Zeitschrift der Schweizerischen Kynologischen
Gesellschaft SKG, Internet: www.hundeweb.org